f Psychogeplauder

Dienstag, 10. August 2021

Halber Praxiswitz Staffel 1 Episode 4: Verzichten lernen

 



... was bisher geschah

Der nette Justiziar hatte gesagt, es sei alles kein Problem. Ich habe allerdings den Verdacht, dass er mich bloß beruhigen will. Und überhaupt sei die zweimalige Verschiebung auch kein Problem, und wenn erst einmal die Nachbesetzung befürwortet sei, dann gehe es schnell; der 18. Oktober sei doch immer noch realistisch als Datum der dann folgenden endgültigen Verhandlung, zumal ich ja schon eine geeignete Käuferin hätte.


Episode 4:  Verzichten lernen


Tag 117:
Das mit der Verzichterklärung und der neuerlichen Terminverschiebung ärgert mich. Der nette Justiziar hatte mir noch vor wenigen Wochen ans Herz gelegt, ich solle bloß nicht vorschnell den Verzicht erklären und damit sei bis drei Monate vor der Sitzabgabe Zeit. Ich rufe eine Dame vom Ausschuss an. Ich versuche die freundliche Mitleidserhaschungstour.

Freitag, 23. Juli 2021

Halber Praxiswitz Staffel 1 Episode 3: Alles kein Problem

 




... was bisher geschah...

Tag 40:

Geweitete Augenaufschläge: Hast Du soooo viele Privatpatienten? Ich meine in den Wochen darauf wahrzunehmen, dass ich bei meinen Bekannten nicht mehr so beliebt bin wie früher.


Episode 3: Alles kein Problem


Tag 44:

Zwei Tage nach der stattgefundenen Ausschusssitzung bekomme ich Post vom Ausschuss. Die KV habe einen Formfehler begangen und ihre Befürwortung der Nachbesetzung einen Tag zu spät brieflich abgegeben. Die Angelegenheit würde daher vertagt. Der neue Termin sei in zehn Wochen.

Samstag, 10. Juli 2021

Halber Praxiswitz Staffel 1 Episode 2: Datenlagen

 





... was bisher geschah...


... Tag 1:

Um ehrlich zu sein, ich reiche den Antrag schon 9 Monate und 20 Tage vorher ein.


Episode 2: Datenlagen


Tag 16:

Gut zwei Wochen später erhalte ich Post vom Ausschuss. Man werde die Frage der Nachbesetzung Ende April verhandeln. Mit genauem Datum wird mir der Sitzungstermin mitgeteilt. Ich brauche aber nicht persönlich zu erscheinen. 

Tag 19:

Wenige Tage später bekomme ich auch noch ein achteinhalbseitiges Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung. Als erstes werde ich darin belehrt, dass mein Nachfolger bestenfalls in meiner Praxis (wie?), schlimmstenfalls aber in unmittelbarer Umgebung in eigenen Räumen arbeiten solle. Die Kassenärztliche Vereinigung hat ausgerechnet, wie viele Therapeuten in einem Umkreis von 1000 Metern meiner Praxis tätig sind.

Donnerstag, 24. Juni 2021

Halber Praxiswitz - Staffel 1 Episode 1: Wie alles begann

 



Episode 1: Wie alles begann

Es begann eigentlich ziemlich leichtfüßig, ich würde sagen, beinahe poetisch; nachdem ich einen schwierigen Herbst sowie einen schlimmen Infekt hinter mich gebracht hatte, war ich mit dem Mann meines Herzens kurzerhand über die Jahreswende in ein schönes Hotel gefahren. Dorthin, in die Berge, wo die Welt noch in Ordnung ist. Die Besitzer hatten sich für die Silvesterfeier etwas einfallen lassen. Kurz vor Mitternacht wurden Luftballons verteilt und kleine Zettel mit Befestigung an den Ballons, auf die jeder einen besonderen Wunsch für die Zukunft schreiben sollte.

Mittwoch, 21. April 2021

Impact

 



Dieses Wort ist vor einigen Jahren hip geworden. Wenn eine Nachricht so richtig hot ist, wenn sie einschlägt wie eine Bombe oder der Pfeil ins Dartboard – dann spricht man wohl vom Impact, und dass der möglichst hoch sein solle. Außer in den Kommunikationswissenschaften hat aber auch die Psychoszene ihr Gefallen an diesem Anglizismus gefunden, vor allem wenn Auswirkungen einer Therapie bzw. eines Behandlungs-prozesses besonders besserwisserisch und eloquent dargelegt werden sollen. Früher nannte man das wohl den Effekt einer Therapie, und man unterschied – zumindest in Forschungskreisen – außerdem noch die efficiacy von der effectiveness,

Montag, 5. April 2021

Nur eine Nummer!?

 





Sachen gibt´s! Neulich, am Ende einer Supervisionssitzung, hatte ich meinen Tischkalender nicht parat und konnte den nächsten Termin nicht gleich vereinbaren mit meinem Gegenüber. „Ich rufe Sie an“, hatte ich gesagt, und noch am selben Vormittag tippte ich in den „Kontakten“ meines Mobilteils den Nachnamen des Supervisanden ein. Anfangsbuchstabe R. Schon gefunden, und ich wählte ihn an.

Sonntag, 14. März 2021

Nestbeschmutzer


Wiedehopf,  eigentlich  unschuldig,  als  Symbol
der  Nestbeschmutzung  seit Jahrhunderten
geduldig   herhaltend




Prolog
Ein bisschen gewagt, dieses Unterfangen: Kritik an der eigenen Berufsgruppe. Ein Jeder kehre vor seiner eigenen Türe, solange, bis kein Schlamm mehr ins psychotherapeutische Haus getragen wird. Anderseits gibt es das ja schon lange, angeblich kannte man´s schon im Mittelalter: dass Leute den Sozialrahmen, in dem sie selber leben, beginnen schlecht zu machen. Verräter? Illoyale Schmarotzer? Hellsichtige Unbestechliche? Später kam das Phänomen zu einem Ehrenplatz in den Riege der deutschen Sprichwörter, wie etwa der Schriftsteller Sebastian FRANCK im Jahre 1541 resumiert: Sein eygen schand nit moegen verschweigen. Wie auch immer. Was raus will, muss raus.

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Verirrt im analogen Leben (lost)


Abbildung. Check24
Abbildung: Check24

 


Die ersten jungen Menschen der Generation Z sind angekommen. In meiner Praxis. Neulich gleich zwei innerhalb eines Monats. Einer ist 18 Jahre alt, eine andere ist gerade 19 Jahre geworden. Mir wird klamm. Eindenken ist das Gebot der Stunde. Wohltuend: total höflich, sie kommen pünktlich, haben gute Manieren und keiner sagt "ooops". Denn es gibt nichts, was zu ooopsen wäre; sie sind politisch und zwischenmenschlich sehr  korrekt. Gut angezogen, alles sitzt. Sie haben gerade ein Vierteljahr digital detoxing hinter sich gebracht. Wollten mal raus aus dem Sichvergleichen. Ist so anstrengend, wer bin ich, wie will ich sein, wie wirke ich, bin ich authentisch, ist meine Suche nach Authentischsein gerade das Unauthentische. Wie kann ich einen Job annehmen, wenn gerade die Welt zu retten ist. Beim Reaktorunglück in Fukushima waren sie 10 Jahre alt, beim ersten friday für future waren sie 17. Ein Jahr zuvor lasen sie, dass Trump das Klimaabkommen aufkündigt, in den sozialen Netzwerken. Sie lasen schon mit 5 Jahren auf ihren Spielzeughandys oder auf dem ausrangierten Laptop des Vaters. Sie wissen so viel und doch zu wenig. Wie trete ich auf einer analogen Partie auf. Wie spreche ich ein Mädchen an (wenn ich ein Junge bin). Wie spreche ich ein Mädchen an (wenn ich nicht genau weiß, ob ich trans, queer oder Junge bin). Welchen Job soll ich machen. Die Welt steht ihnen offen und viele ArbeitgeberInnen reißen sich um sie, um die Jungen, weil es immer weniger Junge gibt. Aber wie sollen sie sich entscheiden. Was ist sinnvoll, was ist sinnlos. Was stimmt, was stimmt nicht. Was ist fake. Die Welt ist so verschlossen. So ohne Sinn. Erstmal ein freiwilliges soziales Jahr. Am besten im Ausland. Allerdings sind Flugreisen ökologisch schlecht; kann man mit dem Zug nach Georgien reisen? Und kommt man dort allein zurecht? Die Eltern sind finanziell großzügig. Und ansonsten reden die Eltern zu viel Oberflächliches. Sie ereifern sich über Nichtigkeiten. Es ist nett zuhause, ja. Die Eltern machen sich Sorgen, denn sie merken schon eine Weile, dass das Kind depressiv ist. - Mal darüber geredet mit ihnen? - Nein, nicht direkt. Es war unklar, was das bringt. Karriere machen oder viel Geld verdienen ist nicht ihr Ziel. Bis zum Schulabschluss lief es ganz gut. Aber jetzt? Sie wissen, sie finden sowieso einen Job. Aber sie wollen keinen. Die Welt ist so verschlossen. So ohne Sinn. Und jetzt, mit Corona. Was hat es gebracht, dass die Eltern viel Arbeit hatten, sich bildeten, ins Fitnesstudio liefen und ihre Work-Life-Balance beherzigten. Nichts hat es gebracht. Die Welt ist so verschlossen. Wenn sie heute anfangen zu studieren, oder eine Schreinerausbildung beginnen, dann ist das nur vorübergehend. Work-Life-Blending klingt so mühevoll, und die Inhalte kommen immer mehr unter die kritischen Wahrnehmungsräder. Raus wollen sie. Vielleicht aus ihrem ganzen Leben. Oder, am liebsten, zurück. Nach hause. Sie haben Angst. Ob sie Borderline sind? Sie wissen alle Differentialdiagnosen und Behandlungsoptionen, bevor sie zur ersten Sitzung erscheinen. Bin ich krank? Nur weil ich alles sinnlos finde? An Silvester wollte ich in Berlin feiern gehen, aber meine beiden FreundInnen dort hatten keine Lust. Da bin ich zwei Stunden lang ausgerastet und hab´ geheult. - Warum?, frage ich nach - Ich hatte keine story.

Epilog:
Als "Jugendwort 2020" wurde das Wort LOST gewählt.


Donnerstag, 17. Dezember 2020

Pronto?!



well prepared



Die Italiener melden sich am Telefon, wenn sie angerufen werden, mit „pronto“ – was in etwa so viel heißt wie „ich bin bereit“, „ich bin fertig zuzuhören…“, insgesamt betrachtet eine sehr dienstleistungsnahe Art, sich zu melden. Der Name des Angerufenen dagegen zählt gar nicht so viel, wenn man sich meldet; schließlich sollte der Anrufende ja wissen, warum er angerufen hat und auch, wen er sprechen wollte. Eigentlich wäre „Pronto“ auch ein sehr passendes Gesprächseinleitungswort, wenn Therapeuten angerufen werden. Was selten vorkommt. Der Hilfesuchende spricht lieber auf den Anrufbeantworter und geht dann davon aus, dass er zurückgerufen wird.

Sonntag, 22. November 2020

Kinderparadies

 


Justus  wünscht  sich  lieber  ein Nintendo 3 DS XL in pink mit  600 Spielen
Paul  wünscht  sich lieber ein 
Nintendo 3 DS XL in Pink
mit 600 Spielen


In den letzten Jahren habe ich mich beim Denken an die Gepflogenheiten der Kindererziehung gelegentlich selbst an die Zügel nehmen müssen, da ich spürte, dass die political correctness Gefahr lief, von meinem Denken verlassen zu werden.